Black Mirror

“Black Mirror” Staffel 3: ‘Nosedive’ – Willkommen in der Like-Hölle (Folge 1)

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“Black Mirror” meldet sich mit einem weiteren, düsteren Blick in die Zukunft zurück. “Nosedive” ist jedoch nicht so weit von unserer Realität entfernt, wie wir es sonst von der Netflix-Serie kennen – was es umso unerträglicher macht. Bryce Dallas Howard unterwirft sich dem Like-Zwang.

Lacie ist hübsch, hat einen guten Job und wohnt in einem kleinen Häuschen. Glücklich ist sie trotzdem nicht. Das liegt nicht an ihrem Bruder, mit dem sie sich ein kleines Häuschen teilen muss, sondern daran, dass sie mit einer Sucht zu kämpfen hat, die ihr Leben bestimmt: Lacie ist süchtig nach guten Bewertungen. Alles, was sie tut oder sagt, macht sie nur mit dem Ziel im Hinterkopf, fünf Sterne zu erzielen. Selbst das Lachen trainiert sie vor dem Spiegel, um zu sehen, welches davon am besten aussieht und wirkt.

Eine neue Cyber-Hölle

“Nosedive”, der Auftakt der 3. Staffel “Black Mirror”, zeigt eine Welt, die so erstaunlich nah ist, dass es sich anfühlt, als hätte man sie versehentlich gestreift. Kurz nicht aufgepasst, schon steckt man mitten in Charlie Brookers Cyber-Hölle. Seine Inspiration holt der Brite aus dem echten Leben und spinnt daraus eine wahre Cyber-Hölle. Neue Technologie ist faszinierend, kann aber auch grausam sein und uns zu wahren Sklaven machen. Smombies? Die sind hier eher das kleinere Übel.

Das sichtbare Niveau

Im Staffelauftakt zeigt uns Brooker eine Welt, in der es möglich ist, jede Interaktion mit einem Menschen zu bewerten. Dabei kann jeder eine bestimmte Anzahl von Sternen vergeben: Fünf Sterne ist sehr gut, ein Stern kann bereits eine kleine Krise auslösen. Denn alle Bewertungen werden addiert und ergeben eine Gesamt-Bewertung, die einen fortan überall hin verfolgt – buchstäblich. Durch einen implantierten Sensor im Auge können Außenstehende jederzeit einen Einblick auf das vermeintliche Niveau des Gegenübers werfen.

Diktatur der Zahlen

Es handelt sich jedoch nicht einfach um ein nettes Feature oder eine App, der man sich unterwirft oder die man bei Missfallen deinstalliert. In “Nosedive” hat jeder Mensch eine Bewertung und sie ist ein maßgebliches Element seines Alltags. Dein Score befindet sich unter 3? Tja, schlecht gelaufen, plötzlich darfst du nicht zurück an deinen Arbeitsplatz, denn Zutritt haben nur Menschen mit besserer Bewertung. Ihnen gefällt das Haus? Wenn sie einen Wert von 4.5 haben, gibt es einen Rabatt von 20% auf die Miete! Unter 4? Dann sollten sie am besten schleunigst das Feld räumen.

Inszenierung der Perfektion

Neben den Interaktionen können auch Erinnerungen, festgehaltene Momente und Bilder bewertet werden – Facebook lässt grüßen, nur dass hier ein “Gefällt mir” nicht ausreicht. Schnappschüsse, auf denen man sich blamiert oder schlecht aussieht, werden in dieser Welt nicht geteilt. Man macht alles, um fünf Sterne zu bekommen: Den Kollegen einen Drink ausgeben, mit Komplimenten um sich schmeißen oder jedes Bild der besten Freunde bestmöglich bewerten – in der Hoffnung, ebenfalls ein paar Punkte abzubekommen. Altruismus ist hier nur ein Fremdwort.

Die Zukunft von Social Media?

“Nosedive” wirkt wie die Horror-Fantasie all jener, die seit Jahren gegen Instagram und Facebook wettern. Es ist ein Spiegel für jene, die mit zusammengebissenen Zähnen Fotos von Menschen liken, nur um nicht in Ungnade zu fallen und selbst zu gefallen – auch wenn das gezeigte Motiv nichts in einem auslöst. Und so geht es auch Lacie. Fast wie ein Roboter bewertet sie Bilder, sammelt Bewertungen und zeigt sich von ihrer besten Seite. Sie engagiert sogar einen Berater, der ihr Tipps gibt, wie sie schnell auf 4.5 kommen kann: Am besten den Kontakt zu Menschen suchen, die mit ihrem Score fast perfekt sind, um von ihnen gute Punkte zu kassieren. Gut, dass ihre ehemalige beste Freundin (eine 4.8!) zur Hochzeit einlädt.

Moderne Vorurteile

Lacie hat ihre Rede und den Trip perfekt geplant, doch dann geht plötzlich alles schief. Stück für Stück schlittert sie immer tiefer in die Bewertungs-Hölle. Ein schlecht gelaunter Mensch und eine miese Punktzahl später – schon ist der Schnitt ruiniert! Und dann geht der Dominoeffekt erst richtig los: Denn wer einen Menschen mit schlechter Bewertung sieht, bewertet ihn automatisch ebenfalls schlecht oder lässt sich von Vorurteilen lenken. Eine 2.4, die am Straßenrand wartet? Lieber schnell auf das Gaspedal drücken.

Ein Stück Echtheit

Es ist ein modernes Kastensystem, das es nicht zulässt, man selbst zu sein. Denn Makel sind verpönt. Die Leistungsgesellschaft strebt nach höheren Bewertungen und vergisst dabei das Leben selbst. Daran wird Lacie erst wieder erinnert, als sie auf ihrer Odyssee eine Truck-Fahrerin trifft, die sich schon lange nicht mehr von Zahlen beeinflussen lässt. Sie flucht, sie lacht, sie ist fassbar – der erste echte Mensch, den wir neben Lacies Bruder in dieser künstlichen Pastell-Welt antreffen.

Schlechtes Gewissen

Und in wie jeder guten Geschichte, findet Lacie auf ihrer Reise zur Hochzeit der einstigen Busenfreundin vor allem eines: sich selbst. Wenn sie schließlich verdreckt im BH in einer Gefängniszelle sitzt und mit Flüchen und Beleidigungen um sich wirft, schwappt eine seltsam angenehme Emotionswelle über den Zuschauer hinweg. Und der Wunsch, zum Handy zu greifen und sich von Facebook und Instagram zu trennen. Dem Like-Wahnsinn Lebwohl zu sagen. Für immer.

Die Auswirkungen auf die Zuschauer

Auf Reddit haben in den letzten Stunden zahlreiche Fans über ihre Gefühle zu “Nosedive” berichtet. Viele schreiben, dass sie danach ein seltsam schlechtes Gewissen gehabt hätten – weil “Black Mirror” ihnen den Spiegel vorgehalten hat und sie im echten Leben auch eine Lacie sind. Andere schreiben stolz, dass sie fortan ein Leben ohne soziale Medien wollen: Nie wieder zwanghaft nach witzigen Sprüchen suchen, um ein Herzchen auf Twitter zu bekommen. Damit aufhören, den Bauch auf dem Facebook-Profilbild einzuziehen, um “Gefällt mir” zu sammeln. Das Müsli zu essen und nicht länger als ästhetisch Meisterwerk für Instagram zu inszenieren. Scheiß auf Perfektion, es lebe der Makel.

Hochkarätige Besetzung

Für die erste Folge der neuen Staffel, hat sich “Black Mirror” gleich zwei hochkarätige Damen an Board geholt: Bryce Dallas Howard, die zuletzt in “Jurassic World” zu sehen war, als Protagonistin Lacie. Ihre Freundin Naomi wird von Alice Eve (“Star Trek Into Darkness”) verkörpert, die sich so perfekt vor der Kamera zeigt, dass man sie von Anfang an nicht ausstehen kann. Und auch Howards Lacie – das Opfer des gesellschaftlichen Gruppenzwangs – lernt man erst in den letzten Minuten lieben. Musikalisch wird die 1. Folge der 3. Staffel von einem Soundtrack von Hans Zimmer untermalt (den es unter anderem bereits auf Spotify gibt).

Fazit? “Nosedive” bekommt von mir 4.5 von 5 Sternen – sorry, Lacie.

Photo Credit: David Dettmann/Netflix

Photo Credit: David Dettmann/Netflix

Featurette zu “Nosedive”

Black Mirror | Nosedive Featurette [HD] | Netflix

Vom Land in die Stadt: Geboren in einer kleinen Stadt im Bayerischen Wald, hat es Julia dank des Studiums der Sozialwissenschaften nach Augsburg verschlagen. Seitdem lernt sie leidenschaftlich gerne neue Serien kennen und sucht sich immer die tragischsten OTPs aus.

1 Comment

  1. Christin

    21. Januar 2019, 14:24 at 14:24

    Ich habe nun ebenfalls die Folge gesehen und fand sie gleichermaßen unterhaltsam und erschreckend. Klar hält es unserer Gesellschaft den Spiegel vor, aber das alles noch schlimmer werden kann, haben mir die Pläne der chinesischen Regierung vor Augen geführt https://www.psw-consulting.de/blog/2018/12/27/social-scoring-system-ueberwachung-wie-in-china-auch-bei-uns/

    Ich finde diese Entwicklung höchst bedenklich. Wer möchte schon für alles was er tut, bewertet werden?

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