Kidding

„Kidding“ mit Jim Carrey: Erst wird gelacht, dann geweint

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Jim Carrey brilliert in der tragisch-schönen Serie „Kidding“ als stets freundlicher Kindershowstar, dessen Fassade nach dem Tod seines Sohnes langsam zu bröckeln beginnt. Eine Rolle, die dem 56-Jährigen wie auf dem Leib geschneidert ist.

Wenn Mr. Pickles den Raum betritt, strahlen Kinderaugen. In Restaurants werden schon einmal spontan Gerichte nach ihm benannt, so sehr freut man sich über den Besuch des Mannes, der in einer Kindershow seit Jahren den ganz Kleinen das Leben erklärt. Mit viel Gesang, bunten Puppen und witzigen Einlagen, welche die Welt ein kleines bisschen schöner gestalten, als sie tatsächlich ist. Im Mittelpunkt der langjährigen Show befindet sich Mr. Pickles, stets ein Lächeln auf den Lippen. Ein Lächeln, das seine Augen schon lange nicht mehr erreicht. Hinter der fiktiven TV-Gestalt steckt Jeff Piccirillo, dessen Leben nicht so heiter und rosig ist, was ihm Stück für Stück bewusst wird. Vor einem Jahr starb einer seiner Söhnen. Die Familie ist an der Tragödie zerbrochen und Jeff sitzt mittlerweile einsam und verlassen in einer kleinen, tristen Wohnung – trotz eines Millionenvermögens auf dem Bankkonto.

Wenn die Dunkelheit nach einem Strahlemann greift

Der Tod seines Sohnes hat in Jeff einen Sprung hinterlassen, der sich bis zu seinem Alter Ego erstreckt. Anfangs nur ein kleiner Riss, den er weglächeln konnte. Den er vermutlich nicht einmal wirklich bemerkt hat, weil er mehr und mehr Zuflucht in dem fiktiven Mr. Pickles gesucht hat, bis Realität und Fiktion miteinander verschmolzen sind. Doch selbst in diesem Zustand kann Jeff nicht die Augen davor verschließen, dass aus dem kleinen Sprung ein dunkler Krater geworden ist, der ihn zu verschlingen droht. Weil alle ihn als lächelnden Clown Mr. Pickles aus dem Fernsehen kennen, sieht niemand, wie Jeff langsam zu Grunde geht – nur sein Vater und seine Schwester erkennen die Anzeichen, doch die fürchten vor allem um das Unternehmen, das auf den Schultern des labilen Stars ruht. Fast schon wirkt es, als ob sie vergessen haben, dass es sich bei dem Mann vor der Kamera um einen echten Menschen handelt.

Photo Credit: © 2018 Erica Parise/Showtime

Die unschuldige Reinheit und Güte eines Kindes

„Kidding“ ist eine dieser Serien, bei denen man sich erst über den kauzigen, positiv gestimmten Mr. Pickles amüsiert, nur um im nächsten Moment mit den Tränen zu kämpfen. Die tragischen Momente sind meist ganz still und kommen ganz überraschend, sind aber umso wertvoller. Da gibt es zum Beispiel diese eine Szene, in der eine krebskranke Frau dem Showstar ihr Herz öffnet und ihm mitteilt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Weil sie niemals alt werden wird, habe sie sich eine graue Perücke gekauft, um sich vorstellen zu können, wie sie als alte Frau aussehen würde. Am meisten würde ihr aber der Gedanke zusetzen, eines Tages einfach vergessen zu werden. Jeff lädt sie schließlich in sein Studio ein, wo die singenden Puppen ihr ein Ständchen singen und sie in die heile Show-Welt entführen. Am Ende stellt ihr Jeff den neuen Bewohner dieser kunterbunten Welt vor: eine neue Puppe, die graue Haare hat und den Pullover der Erkrankten trägt. An diesem Ort wird sie niemals in Vergessenheit geraten und in den Erinnerungen der Kinder überdauern. Er schenkt ihr nicht nur Trost, sondern mit der unschuldigen Reinheit eines Kindes auch einen Hauch Unsterblichkeit.

Jim Carreys beste Rolle

Jim Carrey hat bereits in Filmen wie „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ (im Deutschen: „Vergiss mein nicht“) bewiesen, dass er auch ernste Rollen beherrscht und die ihm manchmal sogar besser stehen, als die des Grimassenschneiders. Diese Zeiten sind ohnehin längst vorbei und man kauft Carrey das Geblödel nicht länger ab. Die Rolle als Mr. Pickles ist ihm so sehr auf den Leib geschneidert, dass man fast schon das Gefühl hat, dass er in „Kidding“ sich selbst darstellt. Wenn man den 56-Jährigen mittlerweile auf roten Teppichen oder Hollywood-Events antrifft – was nur noch selten der Fall ist – ist da immer diese fassbare Traurigkeit in seinen Augen, die einen selbst mitnimmt. Wenn Mr. Pickles langsam auf einen Nervenzusammenbruch zusteuert, hat man das Gefühl, auch den Schauspieler Jim Carrey am Rande des Wahnsinns zu erleben. Sein Spiel als Jeff Piccirillo ist gleichermaßen faszinierend und mitreißend, wie auch herzzerreißend. Aber in jedem Fall ist es Carreys bisher beste Rolle und eine Serie, die man gesehen haben sollte.

„Kidding“ läuft seit kurzem auf Sky. Für alle, die jetzt neugierig geworden sind, gibt es die erste Episode auch kostenlos im OT auf YouTube. Einfach weiterscrollen und auf „Play“ drücken.

Seht hier die erste Episode von „Kidding“ auf Englisch

Englischer Trailer zu „Kidding“

Vom Land in die Stadt: Geboren in einer kleinen Stadt im Bayerischen Wald, hat es Julia dank des Studiums der Sozialwissenschaften nach Augsburg verschlagen. Seitdem lernt sie leidenschaftlich gerne neue Serien kennen und sucht sich immer die tragischsten OTPs aus.

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